Reformpädagogik als Ideengeberin für die Schullandheimarbeit
In der Schullandheimpädagogik fließen verschiedene Ideen der Reformpädagogik zusammen; die eine Gründergestalt lässt sich nicht ausmachen. Die Schullandheimarbeit kristallisierte sich im frühen 20. Jahrhundert über mehrere Jahre aus verschiedenen Bewegungen heraus, die in Reaktion auf die Industrialisierung und Urbanisierung mit allen ihren Folgen für Gesundheit und Leben Kinder und Jugendliche in die Natur bringen wollte und dafür geeignete pädagogische Ansätze und Unterkünfte suchten.
Ausbreitung der Schullandheime nach dem ersten Weltkrieg
Eine erste Etablierung von Einrichtungen, die mit heutigen Schullandheimen vergleichbar sind, erfolgte 1925 auf einer Konferenz der Vertreter der Landerziehungsheime. Sie war vom Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht einberufen worden. Die Vertreter suchten nach Einrichtungen, in denen möglichst vielen Stadtkindern zur Förderung ihrer Gesundheit ein Aufenthalt auf dem Land ermöglicht werden konnte. Deutschlandweit konnten mehrere 100 Einrichtungen ausgemacht werden.
Ursprung des Begriffs Schullandheim
Die im Hamburger Raum übliche Bezeichnung des Landheimes und der sächsische Begriff des Schulheimes wurden im Namen Schullandheim verbunden und mit pädagogischem Inhalt gefüllt: „Der Name ,Schullandheim´ bedeute ein pädagogisches Programm: die städtische S c h u l e verlegt ihre Klassen unter Führung der Lehrer in regelmäßigem Wechsel vorübergehend aufs L a n d, um ihnen ein H e i m mit frohem und gesundem Gemeinschaftsleben zu bereiten, worin die Kinder nicht nur unterrichtet, sondern zu ganzen Menschen erzogen werden.”
Bayern folgte diesen ersten Bewegungen verhältnismäßig spät. Die Forschung führt das auf die starke Prägung durch ländliche Strukturen und eine konfessionelle Zersplitterung der Gesellschaft zurück. Anklang fand die Idee dennoch. Als Pioniere der Schullandheimpädagogik sind Adolf Salffner und Hans Sax zu nennen. Das Sammelheim Wülzburg bei Weißenburg wird in der Regel als erstes Schullandheim in Bayern bezeichnet, auch wenn es Belege für mögliche andere Kandidaten des „ersten Schullandheims“ im Schwäbischen gibt.
Schullandheimpädagogik im Nationalsozialismus
Die Ideen der Reformpädagogik und damit auch der Schullandheimbewegung waren anschlussfähig an die völkischen Ideale und Erziehungsziele der Nationalsozialisten. Die pädagogische Arbeit wurde unter anfänglicher Förderung von Schullandheimen durch das preußische Kultusministerium bereits ab 1933 und einer – nach bisherigem Forschungsstand widerspruchslosen – Integration in die nationalsozialistischen Erziehungsstrategien fortgesetzt. Erst im Rahmen der Gleichschaltungsbestrebungen unter der Führung der HJ, die von nun an die Alleinzuständigkeit der Erziehung für sich beanspruchte, wurde der zu diesem Zeitpunkt noch selbständige Reichsbund der Schullandheime aufgelöst. Zu der geplanten Verschmelzung der einzelnen Einrichtungen mit dem Jugendherbergswerk kam es trotzdem nicht; die privaten Eigentumsverhältnisse und Widerstände aus der Schullandheimbewegung erschwerten die Verstaatlichung der meisten Häuser. Die ursprüngliche, pädagogische Schullandheimidee verschwand, ging es nun doch hauptsächlich um das Erlernen von sozialer Über- und Unterordnung. Während des Kriegs wurden die meisten Häuser für die Kinderlandverschickung, Wehrertüchtigung, später dann auch als Umquartierungsheime, Lazarette und Kriegsgefangenenlager genutzt.
Schullandheimpädagogik nach dem zweiten Weltkrieg
Der Krieg hatte der Schullandheimbewegung die Gebäude genommen, die Idee der Schullandheimpädagogik überlebte, war eine gesunde Lebensführung in den zerstörten Städten doch wieder notwendig wie in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg. 1949 fand ein erstes Treffen in Marburg statt, das ein Jahr später zur Gründung des Verbands Deutscher Schullandheime in Hamburg führte.
Auch in Bayern fanden regionale Arbeitsgemeinschaften sehr früh wieder zusammen – allen voran in München, in Mittelfranken und in Niederbayern/Oberpfalz. Ziel war vor allem der Wiederaufbau der Bewegung und die Schaffung der dafür notwendigen Gebäudeinfrastruktur. Eine tiefergreifende Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle während des Nationalsozialismus im Rahmen der Entnazifizierung wurde nach aktuellem Forschungsstand vermieden.
1959 – die ersten Schullandheime waren wieder im Betrieb und die Bewegung landesweit aufgestellt – wurde der Landesverband der Bayerischen Schullandheime e. V. – initiiert u. a. durch die bereits genannten Adolf Salffner und Hans Sax – gegründet. Die pädagogische Arbeit nahm eine überparteiliche Gemeinschaftserziehung, neue Didaktik und Methoden für den Unterricht und die Gesundheitsförderung in den Blick.
Schullandheime als Hoffnungsträger für Bildungsreformen in den 70er Jahren
Unter Rechtfertigungsdruck geriet die Schullandheimbewegung mit den Befürchtungen eines Bildungsnotstands in den 1960er und 70er Jahren. Auch mit dem Bewusstsein der fehlenden kritischen Abgrenzungen zu den Idealen des Nationalsozialismus fanden sich dieses Mal Vertreter der Schullandheime und der Jugendherbergen zusammen, um die pädagogische Rolle von Schullandheimaufenthalten für die Neuausrichtung des deutschen Bildungssystems zu definieren. Die Stärke der Schullandheimpädagogik fand sich in der Sozialerziehung mit ihrer Bedeutung für die demokratische Bildung, methodisch wurden erstmals die Chancen für selbständiges und gruppenorganisiertes Lernen und die sich damit entwickelnde Kreativität in einem Umfeld außerhalb des Schulgebäudes beschrieben. Die folgenden Jahre waren geprägt von entsprechenden Modellversuchen zu Themen wie
- Projektarbeit im Schullandheim
- Künstler und Schüler in Schullandheim und Schule
- Seminare zur Vorbereitung auf die Berufs- und Arbeitswelt
- Psychosoziale Erziehung im Schullandheim
- Integrationshilfen für ausländische Schüler durch Schullandheimaufenthalte
- Umwelterziehung im Schullandheim
- Das Schullandheim als Lern- und Begegnungsort für Europa
Diesen ersten Modellversuchen folgten politische Bekenntnisse zur Schullandheimpädagogik. 1979 brachte das Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus eine Bekanntmachung zu Schullandheimaufenthalten heraus, die bis heute Gültigkeit hat. 1983 folgte die Kultusministerkonferenz mit einem Beschluss „Zur pädagogischen Bedeutung und Durchführung von Schullandheimaufenthalten“. Eine Fülle weiterer wissenschaftlicher Arbeiten folgten bis in die 90er Jahre.
Schullandheime heute
Die Arbeit mit pädagogischen Modellprojekten wird bis heute über alle Schwerpunktbereiche des bayerischen Lehrplans in den Bayerischen Schullandheimen fortgeführt. Einen Einschnitt stellte die Coronapandemie dar, die die Träger in wirtschaftliche Bedrängnis und die Kinder in soziale Isolation führten. Diese Entwicklungen zeigten aber einmal mehr die Bedeutung von Gemeinschaft, wie sie im Rahmen von Schullandheimen besonders intensiv erlebt werden kann, für die körperliche und psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen auf.
Quelle:
Dieser Text basiert auf einem Kapitel aus:
Heyer, Iris (1998): Schullandheimpädagogik. Standortbestimmung, empirische Untersuchungen und Konsequenzen. Beiträge zur Schullandheimpädagogik, Bd. 3, herausgegeben von der Bayerischen Akademie für Schullandheimpädagogik.